Gedanken zur Jahreslosung 2021

in Verbindung mit dem Bild von Angelika Litzkendorf (welches hier wegen Urheberrechte nicht abgedruckt werden darf, aber in den Kirchen als Lesezeichen ausliegt)

Von Pfarrer Eckhard H. Mattke

 

Seid barmherzig wie

auch euer Vater barmherzig ist!

Lukas 6,36

Was heißt eigentlich Barmherzigkeit?

Der Wortstamm „Barm“ leitet sich her von „arm“, was ursprünglich nicht einfach „besitzlos“ hieß, sondern „vereinsamt, unglücklich“. Barmherzig sein heißt dann also: ein Herz für die Hilflosen, Unglücklichen und Bedürftigen haben.

Und: Barmherzigkeit ist mehr als Mitleid! Das zeigt schon der Sprachgebrauch: Ich habe Mitleid, aber ich bin Barmherzig. Mitleid spricht mein Gefühl an, aber Barmherzigkeit meine Tat.

Und ein weiteres lernen wir von der Barmherzigkeit:

Barmherzigkeit steht über der Vernunft oder der Gerechtigkeit. Oft führt die strikte Anwendung der Logik und der Gerechtigkeit zu einem herzlosen Verhalten.

Ich erinnere an die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin. Jesus beschönigt ihre Tat nicht, er nennt ihre Tat sogar Sünde – aber die Barmherzigkeit wiegt einfach schwerer bei ihm.

Ein wunderschönes Bild für das Wesen des barmherzigen Gottes ist die Geschichte vom verlorenen Sohn, der – und das ist freilich eine unbedingte Voraussetzung: voller Schuldbewusstsein und um Vergebung bittend zum Vater zurückkehrt.

Was er dann erlebt übersteigt all seine kühnsten Träume, Hoffnungen oder Erwartungen: Der Vater läuft ihm entgegen, umarmt und küsst ihn. Da gibt es keine Vorhaltungen, keine Vorwürfe, keine Strafpredigt, sondern nur Freude über Freude.

Die Barmherzigkeit Gottes übersteigt alle unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit, Pflichtbewusstsein und Vernunft. All dies ist gut und wichtig für uns zu hören, zu wissen und zu erfahren.

Und jetzt kommt das Bild der Jahreslosung ins Spiel, damit deutlich wird was mit der Aufforderung gemeint ist.

Licht strahlt von oben herab auf das Kreuz und färbt die eine Seite golden. Gleichzeitig strömt Wasser vom Himmel und färbt die andere Seite blau. Beides gehört zusammen und hat in Gott seinen Ursprung. Licht und Wasser fließen über das Kreuz hinab in eine Schale. Und diese Schale ist so voll, dass sie überläuft und die Schale unter sich füllt. Und auch diese Schale läuft über und füllt wiederum zwei weitere Schalen unter ihr.

Das Aquarell „Barmherzigkeit“ stammt von der Künstlerin Angelika Litzkendorf. Sie lässt in ihrem Bild anschaulich werden, wie Barmherzigkeit vom Kreuz Jesu Christi ausgeht und von Mensch zu Mensch weitergegeben wird.

Wenn wir Gottes Barmherzigkeit erfahren dürfen wir erleben, dass SEINE Barmherzigkeit so groß ist, dass sie nicht nur für uns persönlich reicht, sondern dass wir davon so viel bekommen, dass sie ganz einfach überfließt und wir sie weitergeben können – ohne uns anstrengen zu müssen.

Wir können Gott unsere Bedürfnisse, unsere Sorgen und Nöte hinhalten wie leere Schalen und genauso unsere Fehler und Schwächen. Er nimmt uns so an, wie wir sind. Er empfängt uns mit offenen Armen, wie den verlorenen Sohn.

Wie die Schalen auf dem Bild, füllt Gott unsere Leere, unseren Mangel auf mit seiner Liebe und Barmherzigkeit, bis wir selber überfließen und das Empfangene weitergeben. Denn bei Gott gibt es Leben im Überfluss. Ströme lebendigen Wassers werden fließen und uns tränken, und wir werden davon überfließen und weiterschenken.

Das Bild legt Wert auf die Reihenfolge:

Wir müssen uns zuerst von Gott ganz mit seiner Barmherzigkeit und Liebe füllen lassen und mit seinen liebevollen Augen auf uns selbst blicken – dann fällt es uns leicht, auch andere liebevoll anzusehen und so anzunehmen, wie sie sind, mit all ihren Fehlern und Schwächen. Das Jahreslosungsmotiv spricht im übertragenen Sinne eine Einladung aus:

Komm zum Kreuz, werde still und lausche auf den Lebensstrom, der von dem Kreuz ausgeht.

Hier ist Ruhe und hier ist Kraft.

Dann halte dein Herz auf wie ein Schale, damit es sich füllt mit dem Strom von Liebe und Barmherzigkeit.

Dieser Strom der Liebe und Barmherzigkeit rinnt in deinem Inneren hinab und spült weg, was da nicht hingehört. So wird es in dir rein und licht, also lebendig und du selbst wirst überfließen mit Liebe und Barmherzigkeit. Da herrscht dann kein Zwang: Du musst barmherzig sein.

Sondern du bist barmherzig, weil Gott zu dir barmherzig ist. Weil Du unter dem Kreuz Jesu die ganz Liebe Gottes empfängst, kannst Du diese Liebe einfach weitergeben, weil davon genug da ist, dass es für alle Menschen reicht.

So großzügig ist Gott zu uns, seinen Kindern in Jesu Namen.

AMEN